Keine Zeit – Meine Zeit

Der Sprung ins kalte Wasser

Ich habe einfach keine Zeit. Kennst du den Satz? Ich sage ihn gerade sehr oft… Zu wenig Zeit um meine Arbeit gründlich zu machen, zu wenig Zeit für die Familie, kaum Zeit für das Gebet.

Seit zwei Monaten bin ich Referendarin in einer Grundschule. Es ist neu, aufregend, herausfordernd und kräftezehrend. Und manchmal fühle ich mich schlicht überfordert. „Sie sind kompetent und arbeiten professionell,“ lautet die Botschaft im Seminar an uns. Und entsprechend hoch sind die Anforderungen. Vor der Klasse fühlt es sich manchmal ganz anders an. Doch geht mir damit besser, seit ich weiß, dass es meinen „Mit-Refis“ auch so ergeht.

Die Umstellung vom Vollzeitmamasein auf Mehr-als-Vollzeit-Arbeit war und ist krass. Als ich das erste Mal an einem Tag erst Schule, danach Seminar an einer anderen Schule und zuletzt ein anderes Seminar in der Stadt hatte, war ich nach einem 8 Stunden-Tag plus zweieinhalb Stunden Fahrzeit fix und fertig und schlief beim Abendessen fast ein. In dem Bewusstsein, dass der Schreibtisch noch auf mich wartet… Glücklicherweise ist das nicht jeden Tag so viel Hin und Her, aber eben doch immer wieder.

Der Schreibtisch, der wartet ja eigentlich immer. Gut vorbereiteter Unterricht ist das Kerngeschäft. Darauf haben die Kinder Anspruch, das will ich ihnen geben. Das hilft nicht nur beim Lernen, sondern für alles, was in der Klasse geschicht. Neudeutsch heißt das „Classroom Management“. Sich so gut vorbereiten, dass man den Rücken, die Augen und die Hände frei hat, um auf einzelne Kinder einzugehen, sie im Blick zu haben, sich auf sie einzulassen. Was für eine Herausforderung! Nebenbei wäre da noch das Seminar, zu dem Vor- und Nachbereitung zu leisten ist und welches intensivere Vorbereitung für die regelmäßigen Unterrichtsbesuche durch die Seminarleiter erfordert. Auch die Gestaltung von Seminarsitzungen gehört mit zum Referendariat. Ganz ehrlich? Allein mit dem Schulbetrieb wäre ich schon vollkommen ausgelastet…

Zum jetzigen Zeitpunkt weiß ich noch nicht, ob ich das alles schaffen werde. Wenn, dann nur mit Gottes Hilfe. Und ich fühle mich in der Schule durchaus am richtigen Platz und freue mich darauf, wenn die Schülerinnen und Schüler mehr und mehr zu „meinen“ Schülerinnen und Schülern werden. Meine Kolleginnen haben mir das Ankommen leicht gemacht und ich fühle mich als vollwertiges Teammitglied. Dieses Glück hat sicherlich auch nicht jeder Referendar…

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Zeit zum Leben

Und dabei bin ich ja noch so viel mehr als „nur“ Referendarin. Ich bin immer noch und vor allem Mama von fünf Kindern, mit denen ich natürlich gern Zeit verbringe, denen ich etwas geben möchte und die mir wichtig sind. Und die Kinder fordern dies auch ein, gerade an meinem Vierjährigen merke ich sehr deutlich, wenn es ihm zu viel wird. Dann ist weniger Schreibtisch und mehr Kuscheln und Vorlesen am Abend angesagt. Dann sitze ich eben bis abends spät an der Vorbereitung für den nächsten Tag und dann hat das Arbeitsblatt vielleicht noch einen Fehler, den ich morgens schnell ausbessern muss.

Ich bin immer noch und vor allem Ehefrau des weltbesten Ehemanns und möchte auch mit ihm Zeit verbringen, damit unsere Herzen nah beieinander bleiben. Leichter gesagt als getan, wenn man ständig zu wenig schläft. Und dann bin da ja noch ich mit meinen Interessen, Hobbys, Neigungen. Zugegeben, dieses „Ich“ schreibe ich zur Zeit sehr klein und das wird wohl vorerst nicht zu ändern sein. Ich bin außerdem umgezogen und muss und will überall neue Beziehungen aufbauen. In meiner Schule, den Schulen der Kinder und dem Kindergarten, im Seminar, in der neuen Gemeinde, in der Nachbarschaft. Das alles kostet enorm viel Kraft.

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Ich bin bestimmt keine Superfrau, meine Kraft ist begrenzt. Und ich muss lernen, Prioritäten zu setzen. Im Beruf wird sehr viel von mir verlangt und ich kann daran nicht wirklich etwas ändern. Ich muss lernen, mit der Arbeit aufzuhören, obwohl sie noch nicht getan ist. Hier werde ich in den nächsten Monaten viel ausloten müssen.

Die Zeiten, die mir besonders wichtig sind, erlebe ich jetzt bewusster. Einmal in der Woche den Kleinen selbst vom Kindergarten abholen. Abends gemeinsam mit den Kindern essen (die letzten trudeln gegen 17 Uhr ein). Ein Abendspaziergang mit meinem Mann (ich kann wieder laufen!). Ein heißes Bad zwischendurch. Vorlesen vor dem Schlafengehen (manchmal Papa, manchmal ich). Das Zusammensein mit den Nachbarn bei Feuer und Stockbrot. Und ein erstes Gefühl von Angekommensein in der neuen Heimat…

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Zeit zum Gebet

Das Beten mir wichtig und ich versuche, mir Zeiten dafür freizuhalten. Ich war zum Beispiel mit Leidenschaft „Moms-in-Prayer“-Gruppenleiterin. Aber wenn es stressig wird, dann ist genau das die Zeit, die als erstes gestrichen wird. Ich weiß nicht, ob ihr das auch kennt…

Jetzt habe ich keine Gebtesgruppe, keinen Hauskreis mehr. Umso mehr merke ich, wie ich im Gottesdienst auftanken kann. Noch kenne ich kaum Menschen in der Gemeinde, noch ist alles neu und ein wenig fremd. Ich möchte mich darauf einlassen. Aber viele Lieder sind vertraut. Die Botschaft ist vertraut. Gott ist derselbe, gestern, heute und morgen. In der alten Gemeinde wie in der neuen, egal, ob ich mich (schon) zu Hause fühle. Das Wort Gottes für meinem Leben ist mir in der Gemeinde gerade besonders wichtig. Die Beziehungen untereinander müssen noch wachsen.

Im Alltag kann ich besonders gut im Auto beten. Das war mir bisher nicht klar, da ich keine regelmäßigen Fahrzeiten hatte. Nun fahre ich eine halbe Stunde zur Arbeit und merke, dass mir gerade nach der Schule diese Zeit auch zum Loslassen guttut. Einmal in der Woche habe ich erst zur zweiten Stunde. Dann sind alle schon aus dem Haus und ich versuche, keine Arbeitsblätter mehr nachzubessern 🙂 , sondern zu beten. Äußere Rituale helfen mir dabei.

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Weggehen vom Schreibtisch, mein Stille-Zeit-Körbchen holen und eine Kerze anzünden. Die finde ich im Korb ebenso wie mein Tagebuch, meine Bibel, ein Danke-Heft um Dankbarkeitsmomente auch aus dem Job festzuhalten (eine Idee für Referendare, aber nicht nur…). Das mache ich meist zuerst und lasse danach die Arbeit Arbeit sein… Außerdem gibt es in dem Körbchen weiße, laminierte Karten (Reste vom Laminieren, gefühlt eine meiner Haupttätigkeiten…), auf die ich mit Folienstift Bibelverse schreibe und mir über den Schreibtisch hänge. Ein Herzstück meines Gebetskörbchens ist – ein Karteikasten. Das klingt vielleicht etwas nüchtern, aber dieser hilft mir sehr. Um klare Gedanken zu fassen und mich beim Beten zu fokussieren, widme ich jeder Person, für die ich beten möchte, eine Karteikarte. Vorn schreibe ich einen Bibelvers auf, den ich für sie beten möchte. Auf die Rückseite kommen einige knappe Stichworte für die Fürbitte. Diese kann ich ergänzen oder – was immer besonders schön ist – ein Häkchen dahinter setzen, wenn die Bitte sich in Dank umwandelt. Außerdem schreibe ich Fürbittenkärtchen für Personengruppen, etwa Menschen, die Leid tragen, Menschen, die zweifeln usw. Hier schreibe ich auf ebenfalls einen Bibelvers auf und auf die Rückseite Namen von Personen. In den Gebetszeiten bete ich jeweils zwei Karten für Familienmitglieder und eine Karte für eine Personengruppe. Auf diese Weise denke ich an alle, die mir wichtig sind und es dauert gar nicht lange. Fünf Minunten kann ich auch mal investieren, bevor ich mich abends wieder an den Schreibtisch setze… Die Anregung zu den Karteikarten fand ich in dem Buch „Betend leben“ von Paul E. Miller.

Es ist vielleicht nicht besonders viel Zeit, die ich bewusst im Gebet verbringe. Aber ich nehme diese Momente mit durch Alltag. Es macht einen Unterschied. Wenn du „eigentlich“ keine Zeit hast, wird genau diese Zeit ganz besonders wertvoll. Was hätte ich sonst in einer halben Stunde geschafft… Vielleicht hätte ich ein paar Hefte korrigiert, eine E-Mail geschrieben, an einem Unterrichtsentwurf ein Stückchen weiter gearbeitet. Was ist schon eine halbe Stunde im Vergleich zu einem ganzen Tag. Oder zu einem Leben. Jeder von uns hat 24 Stunden, täglich geschenkt von Gott.

Das Gefühl, ständig zu wenig Zeit zu haben, begleitet mich wohl weiterhin. Doch die Gewissheit, ein dass ich meine Zeit aus Gottes Hand nehme und er sie gut bemessen hat, auch. Meine Zeit steht in seinen Händen.

Deine

Handschrift

Kannst du gut mit Stress umgehen? Wie schaffst du es, Zeit für die Dinge zu finden, die dir wichtig sind? Und wie findest du stille Zeiten? Schreib mir gern etwas in die  Kommentare…

Ich sage immer: Früher war ich eine Mama mit viel Arbeit. Jetzt bin ich working mom. Ich möchte nicht werten und bin dankbar für beide Zeiten. Mein Mann ist jetzt seit ein paar Wochen Vollzeit-Hausmann. Noch sind wir beide dabei, unsere neuen Rollen und Aufgaben zu finden. Vielleicht bitte ich ihn mal um ein Interview für diesen Blog, wie es ihm damit ergeht… Fändet ihr das interessant?

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