Von falscher Scham

Es fällt mir schwer, Hilfe von anderen anzunehmen. Ich bin jemand, der gern die Kontrolle behält und die Dinge im Griff hat. Passend dazu organisiere ich mein Leben durch immer wieder neue Listen. Ich, Martha, Listenmensch. Das bedeutet nicht unbedingt, dass ich mich an meine Listen halte oder mir das Ordnung halten leicht fällt… Aber es beruhigt ungemein, eine Struktur und einen Fahrplan zu haben. Ein Stück Sicherheit.

Dass diese Sicherheit ziemlich trügerisch ist bekommt man zu spüren, wenn etwas im Leben aus den Fugen gerät. Manchmal reicht eine Kleinigkeit. Zum Beispiel bei einem falschen Schritt. Dieser hatte in meinem Fall zur Folge, dass ich jetzt 6 Wochen an Krücken laufen werde und momentan – frisch operiert – eher noch gar nicht laufen sollte. Mitten im Umzug. Kurz vor dem Arbeitsbeginn.

gebrochener Fuß, Umzugschaos, von falscher Scham

Und jetzt? Seit ein paar Tagen versuche ich mit mehr oder weniger Erfolg vom Sofa aus Dinge zu regeln, die zu regeln sind: Anleiten, auffordern, Listen schreiben, Mails und Post erledigen (und nochmal etwas bloggen :-)). Das geht alles noch. Ich hab doch gut vorgearbeitet, dachte ich mir, das meiste ist schon in Kisten verstaut. Wer schon einmal umgezogen ist, der weiß: Wenn du denkst, alles ist fertig, dann kannst du staunen, wie viel da doch noch kommt!

Das Anleiten wird zunehmen schwieriger, denn wir sind in der „Ich-finde-gar-nichts-mehr“-Phase. Da ich nicht herumlaufen kann, um eine Schere, Klebeband, Spülmaschinentabs, Bratöl, Briefumschläge oder was-weiß-ich zu suchen, müssen meine Spekulationen vom Sofa aus genügen. Manchmal gibt es das Regal schon gar nicht mehr, zu dem ich ein Kind schicke, um etwas zu holen. Ich habe keinerlei Überblick über den Zustand des Waschkellers, merke aber, dass die frische Wäsche bedenklich abnimmt.

Meinem Mann will ich das nicht anlasten. Er hat zum Glück schon Urlaub, aber wenig Zeit jetzt im Umzug, sich um den gesamten Alltag zu kümmern. Er baut Möbel ab, hat mit Hilfe wunderbarer Umzugshelfer einen LKW gefüllt und ins neue Haus 400 km entfernt gefahren, er organisiert die Kinder, kocht nebenbei mit dem, was noch zu finden ist… Er schafft viel, aber die vielen, vielen kleinen Handgriffe, die ich sonst routiniert jeden Tag tue, die fehlen jetzt an allen Ecken und Enden. Ich bin eher organisiert-routiniert, mein Mann eher intuitiv-spontan. Fehlt eins von beidem, dann gerät unser Familienalltagsmobile in eine Schräglage. 

Das Chaos vor meinen Augen macht mich unruhig. Es fällt mir unglaublich schwer, den ganzen Tag zu sitzen oder zu liegen, den Fuß hochzulegen und zu kühlen. Ich fühle mich nutzlos. Und die Kontrolle, die mir entgleitet, macht mir psychisch zu schaffen. Ich möchte herumlaufen, mithelfen, wenigstens Kleinigkeiten zuarbeiten. Es geht einfach nicht.

umzugschaos, von falscher Scham

An einem Tag forderte ich meine 10-Jährige Tochter auf, das Bad zu putzen. Mein Mann und die größeren Kinder waren nicht da und es sah einfach so furchtbar aus. Meine Tochter hatte schon hier und da mal etwas geputzt, aber noch kein ganzes Bad. Also setzte ich mich im Bad auf den Fußboden und leitete sie an. Nebenbei putze ich gleich noch das Klo, ich saß ja direkt davor. Dieser Augenblick mit gebrochenem Fuß vor der Toilette sitzend und putzend war ein Schlüsselmoment: So geht es nicht weiter. 

Ich brauche Hilfe.

Was für ein bedeutungsschwerer Satz. Ich glaube, ich habe nie für den Haushalt Hilfe von außen angenommen, auch nicht in der Baby- und Kleinkindzeit. Oder höchstens ganz selten, mal eine Kleinigkeit. Und jetzt muss ich in einer Zeit, wo das Chaos groß ist wie nie, um Hilfe bitten. Nicht eine profesionelle Putz- oder Haushaltshilfe (die bekäme ich nicht, mein Mann hat ja schon frei), sondern Hilfe von Freunden. Sie werden meine Dreck-Ecken sehen und das sind nicht wenige. Wie unangenehm, peinlich, zum Schämen… Oder doch nicht?

Schild: Time to say goodbye, Von falscher Scham, Umzug

Ich springe über meinen Schatten und gründe eine SOS-WhatsApp-Gruppe und schreibe, was dringend noch bis zur Wohnungsübergabe erledigt werden muss. Fenster putzen, Gardinen abnehmen, Türen putzen, aber auch Lampen und Dübel entfernen in mitten von herumliegenden Sachen aller Art. Bratpfanne neben Luftpolsterfolie, Dreckwäsche neben Essensvorräten. Am allerletzten Tag dann die Fußböden und die Bäder putzen. Und ich schaue nur zu und lasse es geschehen. Ich bin überwältigt in Anbetracht der vielen lieben Hilfsangebote, das berührt mich so sehr. Komischerweise würde man selbst so etwas jederzeit für andere in einer Notlage tun. Und schämt sich aber, wenn man selbst derjenige ist, der bittet…

Ich merke, dass ich hier etwas über das Wesen Gottes lernen darf. Und über Dankbarkeit. Ich bin bedürftig, bittend und kann nichts zurückgeben. Doch was mir geschenkt wird, geschieht gern und aus freien Stücken. Ich darf es einfach annehmen. Die Hilfe der Freunde genau so, wie die Gnade und Liebe Gottes.

Jesus goss Wasser in eine Schüssel und begann, seinen Jüngern die Füße zu waschen und mit einem Tuch abzutrocknen. Als er zu Simon Petrus kam, wehrte dieser ab: „Herr, wie kommst du dazu, mir die Füße zu waschen!“ Jesus antwortete ihm: „Was ich hier tue, verstehst du jetzt noch nicht. Aber später wirst du es begreifen.“ Doch Petrus blieb dabei: „Niemals sollst du mir die Füße waschen!“ Worauf Jesus erwiderte: „Wenn ich dir nicht die Füße wasche, gehörst du  nicht zu mir.“

(Johannes 13, 5-8)

Das hier sind meine Dreckecken. Bitte mach sie weg.

Ich lasse es zu.

Ich bin Lernende.

Beschenkte.

Dankbar.

Jesus sagt: „Ihr nennt mich Lehrer und Herr. Das ist auch richtig so, denn ich bin es. Wenn schon ich, euer Lehrer und Herr, euch die Füße gewaschen habe, dann sollt auch ihr euch gegenseitig die Füße waschen. Ich habe euch damit ein Beispiel gegeben, dem ihr folgen sollt. Handelt ebenso!“

(Johannes 13, 13-15)

 

 

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