Zwischen Kisten

Umzugsgedanken

Ich hab ja immer gedacht, für 7 Personen haben wir wirklich wenig Sachen. Bestimmt besitzen manche Familien mit zwei Kindern mehr. Aber wenn ich hier so zwischen den Umzugskartons hocke, die Hälfte von 175 Stück bereits gepackt und irgendwie ist noch gar nicht so viel weg, dann komme ich ins Grübeln. Man stelle sich vor, dies hier wäre der Auszug aus Ägypten. Eine Katastrophe mit so vielen Sachen! Es gibt Menschen, deren gesamtes Hab und Gut passt in eine Plastiktüte. Ich sehe an den Kartons die Menge unseres materiellen Besitzes und finde es auf einmal fast beschämend.

Umzugskartons. Zwischen Kisten - Umzugsgedanken. Loslassen und Hoffnung.

Ich habe in diesem Winter entrümpelt und im Winter davor. Und als ich wusste, wir ziehen um, da habe ich nochmal gründlicher entrümpelt. Es gibt nämlich Dinge, die behält man noch eine Weile, wenn man an Ort und Stelle bleibt. Etwa das Schaukelpferd. Aber wenn man umzieht, dann beschließt man, dass der Zeitpunkt, an dem man sich von etwas trennt, genau JETZT gekommen ist.

Für die Kinder ist das Weggeben wohl schwerer als für mich. Ich hänge nicht sonderlich an Dingen. Außer an Fotos. Und Erinnerungsstücken. Äh ja… also doch an ein bisschen was. Ich packe kaputtes und abgespieltes Zeug in Kartons und mein Sohn fragt: „Packst du das für den Umzug ein?“ Ich nicke und fahre es später heimlich zum Recyclinghof. Ich bin mir sicher, dass die Kinder nichts vermissen werden. Irgendwie war meine Antwort ja nicht richtig gelogen, das Wegwerfen dient ja der Vorbereitung auf den Umzug. Oder?! Also gut, Notlüge hin oder her: Es war eine Lüge.

Auto voll mit Gerümpel. Zwischen Kisten - Umzugsgedanken. Loslassen und Hoffnung.

Meine Kinder hängen sehr an ihren Sachen, so wie vermutlich viele Kinder. Manches Kleidungsstück durfte ich nur weggeben, weil meine Tochter zum Beispiel wusste, nun bekommt es die Kusine. Meistens sortiere ich Spielzeug und oft auch Kleidung ohne die Kinder aus, das ist einfacher. In der Regel vermissen sie ja auch nichts, was weg ist. Aber wehe, sie erwischen mich dabei, wenn ich altes Spielzeug aus dem Keller wegwerfen will…

Loslassen ist ein Lernprozess. Ein Leben lang. Und auch ich lerne gerade wieder gewaltig. Nicht nur Dinge loszulassen und diese Stadt (an der ich meiner Meinung nach auch nicht sonderlich hänge, aber das wird wohl die Zeit noch zeigen). Sondern auch und vor allem Menschen und Beziehungen. Natürlich bricht man nach 18 Jahren nicht einfach alle Zelte ab. Allein schon mein E-Mail-Verteiler zeigt mir, wie viele (Ver)Bindungen entstanden sind in dieser Zeit. Ich sehe sehr, sehr dankbar zurück.

Doch ich will realistisch sein: Nicht alle Kontakte werden weiter bestehen. Wir werden immer mal wieder herkommen, klar, wir haben hier gute Freunde und zum Teil die Paten der Kinder. Aber die meisten Bekanntschaften werden eine Wegbegleitung auf Zeit gewesen sein. Ist es vorhersehbar, was Bestand hat? Kann ich schon erahnen, welche Beziehungen hier enden? Ich bin nachdenklich.

Ein ganz wesentliches Merkmal echter Freundschaft ist für mich, dass man auch nach stilleren Zeiten einfach so wieder an die Beziehung anknüpfen kann.

Eine Handvoll solcher Freunde fällt mir sofort ein. Man geht ein Stück des Weges zusammen, dann wieder jeder seinen eigenen. Trotzdem weiß man, der andere ist da und wenn ich ihn brauche, muss ich nur anrufen. Sehen wir uns, dann ist es so, als wäre nie Zeit vergangen. Klar, man hat nicht jeden Schritt dazwischen mitbekommen, aber die Verbindung, die ist wie immer. Keine Vorwürfe, kein Beleidigtsein. Annehmen, was gerade ist und da sein. Das finde ich unendlich wertvoll. Und darin sehe ich auch einen Spiegel der göttlichen Liebe.

„Denn ich bin der HERR, dein Gott. Ich nehme dich an deiner rechten Hand und sage: Hab keine Angst! Ich helfe dir.“

(Jesaja 41, 13)

Wir brauchen jetzt Kraft und Ressourcen für das Neue. Neue Orte, neue Aufgaben, neue Beziehungen. Abschiednehmen fällt schwer, ja.  Aber ich merke auch, dass mir Menschen guttun, die den Blick nach vorn richten. Die sich mit uns freuen über die Wunder, die wir in diesem Zusammenhang erlebt haben (davon schreibe ich ein anderes Mal mehr, das sprengt hier den Rahmen). Die Freude und Hoffnung mit uns teilen.

Wir müssten nicht gehen.

Wir möchten es.

Nicht, weil wir unbedingt wegziehen wollten.

Sondern weil wir uns geführt sehen zu etwas Neuem.

Bäumchen wächst auf altem Laub. Zwischen Kisten - Umzugsgedanken. Loslassen und Hoffnung. Im Herbst haben wir Laub in Säcken verpackt, damit schneller Komposterde daraus entsteht. Monate später entdeckten wir, dass aus einem Müllsack ein Bäumchen wuchs…

„Doch ich sage euch: Hängt nicht wehmütig diesen Wundern nach! Bleibt nicht bei der Vergangenheit stehen! Schaut nach vorne, denn ich will etwas Neues tun!“

(Jesaja 43, 18-19)

Abschied darf traurig sein. Aber wir lassen mehr Menschen los als all die anderen hier, die uns loslassen. Mein Mann sagte neulich: „Umziehen ist ein kleines bisschen wie Sterben.“ Das klingt jetzt so furchtbar dramatisch. Aber irgendwie stimmt es. Wir haben eine Frist, die feststeht. Wir überlegen, was wir bis dahin noch tun wollen. Wen wir treffen wollen, wie wir unsere Zeit verbringen.

Was ist jetzt wirklich wichtig?

Diese Frage ist viel drängender als im normalen Alltag, weil die Zeit so begrenzt ist.

Wir erleben intensive Zeiten. Wir werden nicht alles schaffen. Fragen uns, warum wir manche Menschen nicht häufiger besucht oder eingeladen haben. Warum wir uns sooft haben verplanen lassen von Terminen. Warum der Haushalt mit allem Drum und Dran manchmal wichtiger war als Menschen. Zeit reflektieren. Zeit nutzen. Zeit auskosten.

Auch das Leben ist begrenzt, nur vergessen wir das immer wieder. In der Regel wissen wir das Datum nicht, an dem es vorbei sein wird. Wer aber mit einer schweren Krankheit konfrontiert ist, lebt anders. Natürlich kann man das nicht mit einem Umzug vergleichen. Nur eben – wie es mein Mann sagte – ein kleines bisschen…

„Mach uns bewusst, wie kurz das Leben ist, damit wir unsere Tage weise nutzen!“

(Psalm 90, 12)

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