Meine schwarz-weiße Woche

Am Klavier #bewusstimhierundjetzt

Für mich gibt es Tätigkeiten, die mich regelmäßig problemlos in den Flow führen. Hinsetzen, anfangen, versinken, Zeit vergessen. Beim Schreiben zum Beispiel! Und dann gibt es Dinge, die mache ich eigentlich sehr gern, aber es gibt eine gewisse „Anfangshürde“ zu überwinden. Dazu gehört zum Beispiel das Nähen. Wenn ich gerade „drin“ bin, kann ich sehr kreativ und produktiv sein und darin aufgehen. Aber dann gibt es Zeiten, da verstaubt die Nähmaschine, weil ich mich nicht aufraffen kann…

So geht es mir auch mit dem Klavierspielen. Hier gibt es sogar verschiedene Hürden. Klavier zu spielen, wenn man kleine Kinder hat, ist für mich eine große Herausforderung, davon schrieb ich letzte Woche schon. Der Notensalat (Flöte, Klavier, Gitarre, Trompete…) müsste erstmal sortiert werden. Die Beleuchtung am Klavier ist ziemlich schlecht. (Warum ist mir das nicht früher aufgefallen?) Und wer nicht regelmäßig spielt, verlernt wieder. Das kann einen gewissen Frust erzeugen und die Lust nehmen, überhaupt anzufangen.

Die Blogreihe #bewusstimhierundjetzt von anny-thing hat mich sehr angesprochen. Gerade jetzt, in der Adventszeit, möchte ich wieder anfangen Klavier zu spielen. „Ich habe keine Zeit“ ist eigentlich eine Lüge. Jeder Mensch hat Zeit. Keine Ausreden mehr! 

Montag: Hürden überwinden

Es ist Tag 1 meiner „Klavierwoche“, doch die Ruhe fehlt. Ich setze mich ans Klavier, ein Kind legt seinen Fuß dazu, ein anderes steht neben mir und stellt mir eine Frage nach der nächsten (dieses Phänomen kenne ich, wenn ich am PC sitze, ist es genauso…). Heute ist auch den ganzen Tag ein krankes Kind zu Hause. Ich klappe den Deckel zu und lausche nun lieber Klängen von Taizémusik, die liebe ich in dieser Jahreszeit besonders.

„Oh Lord, hear my prayer.“

Und dann kommt gegen Abend die Ruhe doch noch ganz plötzlich um die Ecke. Ein Kind stiftet die Geschwister zu einer Badeparty an. Kurzes Abwägen: Ein nasses Bad für eine halbe Stunde Ruhe? Ist es wert! Ich blättere durch die Weihnachtslieder, in Gedanken mit Dank an die Klavierlehrerin, die mir diese recht einfachen Noten für vier Hände mal gegeben hat. Dabei entdecke ich ein leicht kitschiges, aber gut spielbares Arrangement aus verschiedenen Weihnachtsliedern. Ob ich mir das Ziel setze, das am Ende der Woche flüßig spielen zu können? Nein, ganz bewusst nicht. Kein Ziel, kein Plan, kein Druck.

Ich spiele den Anfang mehrmals, die Finger laufen. Da ist es wieder, dieses Gefühl, dass ich lange nicht hatte. Diese ganz bestimmte Leichtigkeit… fast vergessen. Kennt ihr das auch, dass euch erst in so einem Moment bewusst wird, dass ihr etwas vermisst habt? Ich lasse die Finger ein bisschen tanzen, erzeuge einfache Klänge, spielerisch und ohne Anstrengung.

Klavier, Musik, Warten auf die Ankunft, im Advent im hier und jetzt, Flow Momente, Klavierspielen, Muntermacher am Montag

Ein Gedanke zum Festhalten für Montag

Fang mit etwas an, das dir leicht fällt. Stelle keine (oder niedrige) Ansprüche an dich. Setz dir kein Ziel. Vor allem aber: Fang an…

Dienstag: Keine Lust

Heute sitze ich etwas lustlos da. Ich mag gerade diese Weihnachtslieder („Süßer die Glocken“ und so…) nicht so gern und die anderen sind noch nicht sortiert. Ich probiere ein altes Stück aus, aber ich kann nur noch den Anfang ein wenig. Ich habe keine Idee, was ich jetzt spielen könnte.

Ich hatte Musik an der Uni als Nebenfach für das Lehramt an Grundschulen gewählt. Das bedeutet eigentlich nicht viel, man muss keine Voraussetzungen dafür erfüllen und die zu belegenden Kurse waren überschaubar. Es war für mich hauptsächlich eine tolle Möglichkeit, im Studium Klavierunterricht zu bekommen. In dieser Zeit habe ich mir mein E-Piano gekauft, übrigens eine gute Sache für junge Familien (voll umzugstauglich und lässt sich mit Kopfhörern spielen, wenn das Baby gerade schläft…). Jetzt spielt meistens meine jüngere Tochter an diesem Klavier.

Ich klimpere etwas vor mich hin, spüre aber dabei förmlich den Stress meines Mannes, der gerade allein in der Küche wirbelt. Die Lust kommt nicht. Nein, heute spiele ich nicht. Ich muss ja nicht. Mein Sechsjähriger kommt und sagt: „Oh Mama, du kannst so toll Klavier spielen.“ Er zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht.

Ein Gedanke zum Festhalten für Dienstag

Das, was du tust, könnte für andere etwas bedeuten…

Mittwoch: Eine Reise in die Vergangenheit

Ich habe schon wieder keine Lust. Darf ich das schreiben? Mittags habe ich einen kurzen Leerlauf, bevor ich in den Kindergarten muss. Ich klimpere ein bisschen Weihnachtslieder und stelle fest, dass ich wirklich keine Lust hatte.

Abends vor dem Abendessen setze ich mich noch einmal ans Klavier. Ich hätte tausend andere Dinge zu tun, entscheide mich aber für Musik. Nur ganz kurz… Es erinnert mich ein bisschen an einen Impuls, den ich in großen Stressphasen oft habe: Wenn mir alles über den Kopf wächst, dann hab ich auf einmal einen starken Wunsch nach einem schönen, duftenen, entspannenden Schaumbad. (Und ehrlich gesagt: Manchmal mach ich das auch einfach…) Also Klavier!

Das Stöbern durch die alten Noten ist ein bisschen wie eine Reise in die Vergangenheit. „I like Chopin“, da sitze ich wieder im Keller der Uni in einer „Klavierzelle“. Manchmal traf ich mich mit einer Freundin zum Musizieren, sie am Cello, ich am Klavier. Meistens hatte ich zu wenig Zeit, kam „ungeübt“ und stümperte die Begleitung vor mich hin. War nicht schlimm, das war Musik. Und eine echt schöne Zeit. Wir hatten Stress bis über beide Ohren (ich hatte am Ende des Studiums schon drei Kinder). Doch mittendrin nahmen wir uns einfach eine Auszeit und spielten nur so zur Freude zusammen Klavier und Cello.

Jetzt möchte ich gar nicht mehr aufhören. Ich habe meine Bach-Noten entdeckt. Bach! Genau, ich hab doch immer Bach geliebt… Ist mir total abhanden gekommen. Ich habe nie verstanden, dass man Bach langeweilig und eintönig finden kann. Doch in Bach konnte ich mich verlieren und hineingeben. „Ein Tag ohne Bach ist ein verlorener Tag“, sagte einmal der Pianist Andras Schiff. Ich muss nun aufhören weil die Kinder mich brauchen. Aber morgen, morgen spiele ich wieder Bach. Ich freu mich drauf.

Klavier, Musik, bewusst im Hier und Jetzt

Ein Gedanke zum Festhalten für Mittwoch

Nimm dir besonders dann, wenn du viel zu tun hast, Zeit für etwas Schönes. Es muss nicht lang sein. Vielleicht 5 Minuten oder 10, oder hoppla, jetzt war es eine halbe Stunde…

Donnerstag: Im Hier und Jetzt und ganz woanders

Bach führt mich zurück zu den Stücken, die ich in meiner Schulzeit spielte. Angefangen mit dem Klavierspielen habe ich mit 8 Jahren. In der Pubertät hörte ich auf, spielte drei Jahre stattdessen Gitarre, aber das war einfach nicht meins. Als ich dann noch einmal neu anfing mit dem Klavierunterricht, so aus eigenem Antrieb, war meine Motivation viel größer – und auch der Lernerfolg. Meine Lehrerin war sehr gut und anspruchsvoll. Ich arbeitete auf eine Prüfung hin. Und dann war ich sooo aufgeregt, als ich mein Programm aus mehreren Stücken verschiedener Epochen vor Publikum spielen sollte. Kurz bevor ich dran war, fiel mir plötzlich ein, dass ich mit meinen hohen Schuhen unmöglich mit Pedal spielen konnte. Also ging ich dann barfuß ans Klavier. Peinlich, aber was sollte ich machen…

Jetzt bin ich noch weiter in die Vergangenheit gereist. Widerspricht das dem Vorhaben, bewusst im Hier und Jetzt zu sein? Ich meine, nein. Die Vergangenheit zeigt mir ein Stück von mir selbst, von meiner Identität. Warum soll sie hier nicht zum Ausdruck kommen…

Während ich spiele, bin ich ganz im Hier und Jetzt. Wenn ich selbst Musik mache, dann produziere ich nichts, was ich am Ende in den Händen halte. Die Töne erklingen im Augenblick, aber sie sind flüchtig. Vorbei. Wie Düfte rufen auch Klänge manchmal intensive Erinnerungen hervor. Wer kennt das nicht, wenn er ein Lied aus seiner Kindheit hört… Musik ist hier und jetzt, aber sie ist auch eine Reise. Vielleicht in eine andere Zeit oder an einen anderen Ort. Die Augen auf den Noten, die Finger auf den Tasten, die Gedanken auf Wanderschaft. Ich bin ganz da und zugleich ganz woanders.

Klavier, Musik, bewusst im Hier und Jetzt

Ein Gedanke zum Festhalten für Donnerstag

Lass dich tragen von dem, was du tust. Sei gespannt, wohin die Reise geht…

Samstag: Gedanken zum Lobpreis

Heute liegt der Notenordner „Christlich“ auf dem Klavier bereit. Leider kann ich gar nicht Klavierspielen und Singen gleichzeitig. In Liedbegleitung beherrsche ich allenfalls einfachste Grundlagen. Ausgerechnet das, was für die Schule wichtig gewesen wäre, habe ich in der Uni (fast) nicht gelernt. (Ich möchte nicht behaupten, dass das fürs ganze Studium gilt, aber für weite Teile wohl schon…)

Aber die Gelegenheit ist günstig, um allein ein bisschen zu singen. Nur mein kleinstes Kind ist zu Hause und geht gnädig seiner Beschäftigung nach. Heute keine Kinderfüße auf den Tasten. Vielleicht würde das öfters passieren, wenn ich ganz selbstverständlich regelmäßig Klavier spielte? Ich singe also, haue einfach die „nackten“ Akkorde dazu in die Tasten, grabe vorsichtig in meinem Hirn nach bruchstückhaftem Wissen über Kadenzen.

„Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ (Psalm 98,1)

Mir fällt auf, dass Lobpreismusik für mich ein zwiespältiges Thema ist. Ich singe gern und der Lobpreis in der Gemeinde spricht mich ganz oft an. Lieder tun mir gut und haben schon manchmal direkt in mein Herz gesprochen. Glaube und Musik gehört eng zusammen. Trotzdem ist „Musik“ manchmal ein Reizthema im Gottesdienst. Geschmäcker sind verschieden. Und manche Lieder sind mir ehrlich gesagt auch zu „flach“, kommen rüber wie „Friede-Freude-Eierkuchen“ wie man so sagt…  Ich kann nachvollziehen, wenn jemand, der gerade Schweres erlebt, der sich Gott gerade fern fühlt oder sein Handeln nicht begreifen kann, mit manchem Lobpreislied nichts anfangen kann. Ich habe auch mitbekommen, dass manchmal eine Liedzeile wirken kann wie Salz in einer Wunde, das tut weh.

Ich mag Lieder mit Tiefgang. Ich mag Lieder, die Leid und Schmerz nicht ausblenden oder gar schönreden. Mir scheint, als hätten Lieder (und Predigten) von Menschen, die durch ein Tal oder über Seitenwege gegangen sind, eine besondere Kraft. Ich mag Lieder, die Bibelverse vertonen. Ich mag nicht nur moderne Lobpreislieder, sondern manchmal auch alte Choräle.

Du meine Seele, singe, / wohlauf und singe schön
dem, welchem alle Dinge / zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben / hier preisen auf der Erd;
ich will Ihn herzlich loben, / solang ich leben werd.

Paul Gerhardt (1653)

Die Vielfalt der Musik ist ein großes Geschenk. Und eins steht fest:

Gott hat Musik gemacht!

„Halleluja – lobt den Herrn! Lobt Gott in seinem Tempel! Lobt ihn, den Mächtigen im Himmel! Lobt ihn für seine gewaltigen Taten! Lobt ihn, denn seine Größe ist unermesslich! Lobt ihn mit Posaunen, lobt ihn mit Harfe und Zither! Lobt ihn mit Tamburin und Tanz, lobt ihn mit Saitenspiel und Flötenklang! Lobt ihn mit Zimbelschall und Paukenschlag! Alles, was lebt, lobe den Herrn! Halleluja!“

(Psalm 150)

Klavier, Musik, bewusst im Hier und Jetzt

Ein Gedanke zum Festhalten für Freitag

Such dir die Musik, die dich anspricht. Du spielst gar kein Instrument? Aber man sagt doch: Singen kann jeder! Dafür braucht man nichts, nicht mal viel Zeit. Geht sogar unter der Dusche 🙂

Das war meine schwarz-weiße Woche. Und die war eigentlich echt bunt…

Ich möchte weitermachen. Dranbleiben. Und wer weiß, vielleicht packe ich die Liedbegleitung eines Tages ja doch noch an?

Die nächste Folge der Blogreihe #bewusstimhierundjetzt gibt es übrigens nächste Woche auf dem Blog  anny-thing.

Deine

Martha vom Blog FamilienLeben mit Gott

Und was bedeutet dir Musik? Musiziert ihr in der Weihnachtszeit? Hast du mal ein Instrument gelernt? Schreib mir gern von deinen Erfahrungen in die Kommentare...

Dieser Artikel ist ein Beitrag aus der Reihe „Muntermacher am Montag“.

 

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11 Kommentare zu “Meine schwarz-weiße Woche

  1. Hallo Martha, ich bin ja mit gar nicht so hohen Erwartungen an dieses Experiment herangegangen, zumal meine eigene Erfahrung am Wochenende echt schleppend war. Und jetzt ist dein Text einfach so toll geworden, so rund und erkenntnisreich – vielen Dank dafür 🙂 Ich finde es klasse, dass du einen Impuls bekommen hast, weiter dran zu bleiben, das wünsch ich dir auch. Liebe Grüße, Anne

    • Hey Anne, ich glaub, ich bin auch nicht mit großen Erwartungen herangegangen. Ich wollte einfach jeden Tag kurz aufschreiben, wie es mir ging. (Naja, „kurz“ ist bei mir immer so eine Sache…) Ich freu mich echt, was daraus geworden ist. Ich denke, das war jetzt einfach so ein Anstoß zu etwas, das ich länger schon in mir hatte… Ich hoffe, dass jetzt nicht jemand von den Nachfolgern denkt, er müsste eine große Sache daraus machen… Das hat jetzt einfach so gepasst 😉 Liebe Grüße, Martha

  2. Ich wpnsche dir noch viele weitere Erfolge mit deinen schwarz-weißen Mitbewohnern, und vielleicht schaffen wir es ja auch mal wieder 4händig zu spielen????
    Danke für diese schöne Abwechslung am Vormittag, nun eilt die Hausfrau an den Herd. :o)

  3. Oh, was für ein toller Beitrag! Ich spiele auch Klavier und sollte wohl auch häufiger Mal eine kleine Vergangenheitsreise in alte Klaviernoten machen… Ich liebe übrigens auch Bach! Und barfuß Klavier spielen kenne ich auch von Hochzeiten, bei denen ich die hohen Absätze nicht bedacht habe 😀

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