Ordnung für Chaoten – Lektion 1

Manchmal denke ich, ich hätte deutlich mehr Zeit für wichtige Dinge, wenn ich mehr Ordnung hätte. Dann müsste ich nicht ständig nach irgendetwas suchen. Gerade eben hatte ich den Schlüssel noch in der Hand, zack, weg ist er. Schlüssel, Eintrittskarten, Dokumente, Briefe, Handy, Kopfhörer, Handtasche… Nichts ist sicher. Immer wieder versprechen mein Mann und ich uns dann gegenseitig, dass wir mehr auf Ordnung achten werden. Bislang vergeblich.

Ja, wir sind Chaoten, alle beide. Das Problem: Die Unordnung potenzierte sich mit jedem weiteren Kind. Gibt es eigentlich ein Chaos-Gen? Blöderweise besitzen Menschen mit einem Hang zum Herumliegenlassen mehr Dinge als Menschen mit aufgeräumten Wohnungen. Und was vorhanden ist, kann auch herumliegen, so einfach ist das. Und schon läuft man von morgens bis abends der Arbeit hinterher. Und wie soll ich meinem Kind vermitteln, dass es seinen Schreibtisch aufräumen soll, wenn meiner derweil in Papierbergen versinkt?

Erster Versuch: Wir tun so, als wenn es uns gefällt. Ich hänge einen Spruch in den Eingangsbereich. „Nur langweilige Frauen haben aufgeräumte Wohnungen.“ Das ist mir dann allerdings einmal doch echt peinlich, als die Tochter einer lieben Bekannten den Spruch liest und ruft: „Mama, du bist so langweilig!“ Schluck. Unter uns: Auch wenn ich Wohnungen, die wie Möbelausstellungen aussehen, nicht wirklich gemütlich finde… Jeder Chaot hätte gern etwas mehr Ordnung. Vermutlich ist es genau wie bei übergewichtigen Menschen, die behaupten, sie würden sich total wohl fühlen. Eigentlich wäre man gern – wenigstens ein bisschen – anders.

Unordnung lähmt, nervt und behindert. Ordnung erleichtert, Ordnung schafft Raum zum Wohlfühlen und Durchatmen. Nur: Wo fängt man an, wenn das ganze Haus voller Baustellen ist?  Ich habe echt keine Ahnung. Hier all die Regeln, die bei uns nicht funktioniert haben (w.z.b.w.):

  1. Alle Dinge sollen sofort nach Benutzung wieder aufgeräumt werden. So schafft man es, die vorhandene Ordnung zu halten. Funktioniert nicht, weil der Chaot augenblicklich Angst davor bekommt, überhaupt irgendetwas in die Hand zu nehmen.
  2. Jeder Gegenstand sollte nur EINMAL in die Hand genommen werden und ohne „Zwischenlager“ dorthin gebracht werden, wo er hingehört. Funktioniert nicht, Begründung siehe Punkt 1. So etwas kann sich nur ein Single ausgedacht haben, bei Wäschebergen für 7 Personen funktioniert das nie!
  3. Man soll immer die Dinge sofort aufräumen, die einem gerade vor die Augen kommen (der sogenannte „Besucherblick“). Funktioniert nicht, weil man sich dabei verzettelt und zu nichts anderem mehr kommt. Ich wandere dabei vom Keller bis zum Dachboden und frage mich am Ende, was ich eigentlich den ganzen Tag gemacht habe.
  4. Man braucht die richtige Ausstattung und vernünftige Geräte, dann geht das Putzen wie von selbst. Nee, ist klar. Putzen bleibt Putzen.
  5. Jeder soll das wieder aufräumen, was er benutzt hat. Funktioniert nicht, weil der Verursacher oft nicht greifbar ist (blöde Schule). Für Wäsche und Geschirr ist das Sammelprinzip auch viel sinnvoller. Und die meisten Dinge hat sowieso entweder KEINER oder NIEMAND benutzt. Und diese beiden lassen sich einfach nicht erwischen…
  6. Wenn alles nichts hilft: Eine Putzfrau einstellen. Funktioniert nicht, weil ich mich genieren würde. Zuerst müsste ich überall aufräumen, damit eine Putzfrau putzen könnte. Ist der Fußboden aber erstmal freigeräumt, dann kann ich eigentlich auch problemlos selbst wischen…

Auf einem Tisch liegen verschiedene Bücher durcheinander. Ordnung für Chaoten, nicht mehr suchen müssen

Aber jetzt mal Ausreden und Spaß beiseite: Und wenn wir das einfach nicht schaffen? Ich bin davon überzeugt, dass Gott mich für mein Chaos nicht verurteilt. Dennoch: Wenn ich auf IHN schaue, dann sehe ich Ordnung. Keine spießige, kleinliche, übertriebene Ordnung, sondern in einem guten und hilfreichen Sinn. In Bezug auf die Zusammenkünfte schreibt Paulus (1. Korinther 14,33):

Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens…

Die Schöpfungsordnung, die Sieben-Tage-Woche mit Ruhetag, der Tag-und-Nacht-Wechsel. Alles in der Welt hat eine gute Ordnung, einen Ablauf, einen Rhythmus. Wir sind Teil dessen und auch unser Leben wird erleichtert dadurch. Was wären wir zum Beispiel ohne Gewohnheiten? Unser Gehirn wäre heillos überfordert, wenn wir jedes Mal von Neuem überlegen müssten, wie wir etwas genau machen. Ein bisschen Chaos mag ja kreativ sein. Für mich stimmt das nur, wenn es ein „geordnetes Chaos“ ist. Ich bin ein typischer „Stapelbauer“, was Bücher und Papiere betrifft – sieht nach Chaos aus, aber ich blicke durch! Doch ich gebe es zu, zu viel ist irgendwann zu viel und der Überblick geht flöten. Und übrigens: Das Wort Teufel (Diabolus) bedeutet so viel wie „Durcheinanderwerfer“. Noch Fragen?

Als denkende Wesen, als die wir geschaffen sind, können wir uns hinterfragen. Passt das noch, so wie wir es uns angewöhnt haben? Wollen wir etwas verändern? Wie wäre es besser oder einfacher? An diesem Punkt steht unsere Familie gerade wieder einmal. Wer ist hier eigentlich für was zuständig? Muss alles an mir hängenbleiben, nur weil ich hier die „Hausfrau“ bin? Sind feste Pflichten besser oder flexible Aufgaben? Jesper Juul, der dänische Erziehungsexperte, rät, dass man sich überlegen soll, ob man lieber ein pflichtbewusstes oder ein hilfsbereites Kind haben möchte. Entsprechend verteilt man Pflichten oder fragt andernfalls das Kind bei Bedarf um Hilfe. Wenn ich es mir genau überlege: Ich hätte ja gern beides 🙂 Okay, also Kinder „funktionieren“ nicht, das ist mir klar. Aber wenn sich niemand für etwas verantwortlich fühlt, frustriert auf Dauer.

Ich mache mir keine Illusionen, jeder hat seine Persönlichkeit und man kann nicht alles von heute auf morgen umkrempeln. Wir wollen so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig in die Ordnung des Hauses investieren. Dabei wollen wir kleine Schritte machen, und zwar einen nach dem anderen.

Ein Putzplan, Wochenplan, Aufgaben für Eltern und Kinder, Ordnung für Chaoten, Selbst ist das Kind

Das heißt:

Es entsteht ein neuer Putz- und Aufräumplan. Jeder hat feste Pflichten (zum Beispiel Tischdienst am Abend) und eine flexible Aufgabe am Wochenende (verteilt wird gemeinsam, was ansteht).

Wir bemühen uns, den Esstisch nicht mehr zuzumüllen. Es fehlt uns zwar noch eine gute Idee, wie wir das mit der eingehenden Post lösen, aber Papier soll hier nicht mehr liegen. Mein Mann findet einen leeren Tisch ungeheuer wohltuend, ich mag lieber ein bisschen Deko. Wir einigen uns so: Vor dem Essen muss der (eigentlich zu kleine) Tisch leer sein, damit alles darauf Platz findet. Zwischen den Mahlzeiten darf die Deko auf den Tisch. Kompromiss.

Chaos auf dem Esstisch, Flaschen, Untersetzer, Spielzeug. Ordnung für Chaoten

Jeder ist verantwortlich für seinen Kram. Für seine Jacke, seinen Schulranzen, seine Schuhe, seinen Schreibtisch, seine Spielsachen (äh, ja, und auch sein Handy, seinen Schlüssel, seine Dokumente). Ich sehe es nüchtern, die kommende Zeit wird mich viel Kraft kosten, weil ich die Kinder immer und immer wieder rufen werde, um ihr Zeug wegzuräumen. Aber welche Alternative habe ich, wenn ich nicht mehr jedem alles hinterhertragen will?

Wenn das soweit „läuft“, bin ich gern bereit, den Frühjahrsputz allein zu machen. Es hat sich herausgestellt, dass ich sowieso die Einzige im Haus bin mit einem gesteigerten Interesse daran. Lediglich das Thema „Fensterputzen“ rief Begeisterungsstürme bei den kleineren Kindern hervor. Mir wird bewusst, dass ich das ungern delegieren möchte. Im Moment weiß ich, dass ich irgendwann mal die Fenster putzen muss. Wenn ich die Kinder das tun lasse, weiß ich, dass ich danach sofort Fenster putzen muss. Aber auch das ist eine Erkenntnis nach einem Reflexionsprozess: DAS will ich lieber alleine machen. Es gibt ja genügend andere Dinge zu verteilen…

Ein leerer Liegestuhl steht im Garten inmitten von herumliegenden Kinderspielzeug. Ordnung für Chaoten

Noch einmal zum dem Mädchen, das über seine langweilige Mutter kicherte. Die Mutter nahm es mit Humor. „Ich räume gern auf,“ gestand sie unumwunden, „aber Putzen mag ich sogar noch lieber als Aufräumen!“ Wow, was für eine Aussage. Ein Satz, mit dem ich mich identifizieren kann, klingt eher so: „Ich mag Lesen sogar noch lieber als Schlafen.“ Ich wäre ja wirklich gern langweilig, aber noch lieber würde ich mal nichts tun 🙂

Das war jedenfalls der Moment, in dem ich beschloss, endlich mal wieder zu entrümpeln. Während der Fastenzeit stelle ich täglich aussortierte Dinge auf Facebook und so manches hat einen neuen Besitzer gefunden. Ballast abzuwerfen fühlt sich einfach toll an. Dann wird der Frühjahrsputz auch leichter:

Weniger Kram = mehr Zeit

FORTSETZUNG FOLGT…

Deine

Handschrift

 

Und wie ist das so bei euch? Trägt hier noch jemand Chaos-Gene in sich? Und wenn nicht: Immer her mit den guten Tipps… Welchen Weg wandert bei euch zum Beispiel die eingehende Post?  Bei uns war das bisher (manchmal) so: Schuhregal – Esstisch – Wohnzimmertisch – Esstisch – Wohnzimmertisch – PC – verschwunden, vergessen, Rechnung zu spät bezahlt…

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15 Kommentare zu “Ordnung für Chaoten – Lektion 1

  1. Sehr guter Artikel mal wieder, vielen Dank! Also, ich denke, man sollte sich bei all dem Druck und den Anforderungen, die schon so herrschen, nicht noch allzuviel Druck im Bereich Ordnung machen. Je mehr Personen in einem Haushalt, desto schwieriger ist es schließlich, Ordnung zu halten. Das ist ganz normal. Man sollte in diesem Bereich tun, was man kann. Aber eben nicht die Ordnung zu hoch einstufen. Freude und ein gutes Miteinander sind einfach wichtiger.
    Übrigens ist mein Sekretär, also meine Schaltstelle (auch für meine Webseite) fast immer durcheinander, außer Besuch wird erwartet. Etwas Chaos inspiriert mich, es regt meine Kreativiät an. Ich schaue manchmal darauf und denke: schön, dass da noch so viele gute Ideen (= für mich Schätze) liegen, die ich bei Zeiten erledigen kann. Ich freue mich schon darauf und freue mich, das Leben mit sinnvollen Dingen zu füllen. Herzlichen Gruß! 😊

    • Da hast du wirklich absolut recht, das Miteinander ist viel wichtiger. Ich finde, die Ordnung muss dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. WIR als Familie laufen garantiert keine Gefahr, es zu übertreiben 🙂 Mir ist aber auch wichtig, dass die Kinder ihre Verantwortung lernen zu übernehmen… Und im Zweifelsfall mal ein Lächeln zu dem Ganzen tut auch gut 🙂 ich wünsch dir viele gute Kreativzeiten 😉

    • Wir haben es geschafft, selbst dieses Buch zu verlegen und suchen es schon eine Weile 🙂 Es war gut, wir hätten es gern wieder, aber es ist einfach nicht zu finden.

      • Ich hatte Glück und habe es günstig gebraucht im Netz gefunden, weiss gar nicht mehr wo… Ich finde, es hat gute Tipps, ist aber insgesamt etwas unübersichtlich… Bin noch dabei, aber wenn ich durch bin, könnte ich es weitergeben 😉 Liebe Grüße, Martha

  2. Oh, ich erkenne mich und uns als Familie so wieder… noch kann ich das gut auf „Wir haben ja ein kleines Baby, da kommt man zu nichts!“ schieben, aber lieber wären mir zwei freie Hände und zwei freie Stunden. Das würde schon einen Unterschied machen!
    Danke für den Artikel!

    • Ich bin großartig darin, Begründungen zu finden… Zuerst hatten wir eine ganz kleine Wohnung, da kann man ja keine Ordnung halten, weil der Stauraum fehlt. Dann hatten wir eine große Wohnung, da schafft man es nicht, weil ja so viel aufzuräumen ist. Ein kleines Kind hatten wir auch ständig und bekanntlich ist Putzen mit kleinen Kindern wie Schneeschippen während es schneit… Aber ja, das ist richtig, zwei freie Stunden, was man da alles schaffen würde!! (Vermutlich würde ich aber lieber lesen oder schreiben in der Zeit 🙂 ) Liebe Grüße, Martha

      • Du hast schon Recht – zwei freie Stunden könnte man auch frei nutzen… Aber, als ich das hier so schrieb, wurde mir erstmal klar, dass ein bisschen mehr Ordnung nur zwei Stunden entfernt ist. Vielleicht findet sich ja eine Freundin, die sich mit Papa und Kindern die Zeit draußen vertreibt, während ich wirbele?! Wobei ich natürlich lieber mit rausgehen würde… ach, man dreht sich aber auch im Kreis! 😉

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