Veröffentlicht in Allgemein, Kinder und Familienleben, Projekte

Gibt es eine christliche Erziehung?

Zerren, ziehen, erziehen – oder was?

Erziehung hat hierzulande oft einen bitteren Beigeschmack. „Ziehen“, das klingt nach unterdrücken, entmündigen, gängeln, irgendwie nach Gewalt. Erziehung meint aber zunächst einmal einfach nur jegliche Einflussnahme auf die Entwicklung und das Verhalten Heranwachsender.

Wikipedia sagt weiter:

„Erziehung wird von Erziehungsnormen geleitet, erfolgt im Rahmen von Erziehungskonzepten, die auf Erziehungsziele ausgerichtet sind, und greift auf Erziehungsmittel und Erziehungsmethoden zu.“

Normen, Ziele, Mittel, Methoden  – Das alles sind weit gefasste Begriffe. Ob die Ziele nun konkret oder abstrakt sind,  zu allen Zeiten und in allen Kulturen und Gesellschaften wurde und wird erzogen. Stets geht es darum, ein ungleiches Verhältnis bezüglich Wissen, Erfahrung und Verantwortung zwischen Erwachsenen und Kindern schrittweise aufzuheben. (vgl. Kaiser/ Kaiser, Seite 9 und 29)

Im Grundgesetz heißt es:

„Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ (GG, Artikel 6, Absatz 2)

Wir haben also nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, unsere Kinder zu erziehen.

Gibt es eine christliche Erziehung? Vater und Tochter

Erziehung – ja, aber wie?

Es gibt unendlich viele Erziehungsratgeber auf dem Markt, wir könnten nicht einmal einen Bruchteil davon lesen. Vermutlich würde uns das auch eher verwirren als weiterhelfen, denn in unserer pluralistischen Gesellschaft gibt es unterschiedliche  Werteordnungen.

Auch in der Bibel finden wir Werte, Ziele und Handlungsnormen für die Erziehung. Wir werden aufgerordert, in die Erziehung unserer Kinder  investieren:

Erziehe dein Kind schon in jungen Jahren – es wird die Erziehung nicht vergessen, auch wenn es älter wird. (Sprüche 22,6 Hfa)

Ein durchaus ermutigender Vers, auch und besonders wenn man gerade in einer Phase steckt, die den Eindruck erweckt, jegliche Erziehung sei umsonst gewesen. In der Pubertät zum Beispiel. Der Auftrag an uns Eltern wird in der Bibel noch konkretisiert:

Bewahrt die Worte im Herzen, die ich euch heute sage! Prägt sie euren Kindern ein! Redet immer und überall davon, ob ihr zu Hause oder unterwegs seid, ob ihr euch schlafen legt oder aufsteht. (5. Mose 6, 6 f. Hfa)

Ihr Väter, behandelt eure Kinder nicht ungerecht! Sonst fordert ihr sie nur zum Widerspruch heraus. Eure Erziehung soll sie vielmehr in Wort und Tat zu Gott, dem Herrn führen. (Epheser 6,4 Hfa)

Das stellt das Erziehungsziel heraus. Es ist die wichtige, verantwortungsvolle und zeitintensive Aufgabe von uns Eltern, die Kinder in einer ganzheitlichen Weise („Wort und Tat“, „immer und überall“) zu Gott hinzuführen. Es geht also nicht in erster Linie um Bildung oder irgendein beliebiges anderes Ziel, das die Gesellschaft je nach aktuellem Trend gerade favorisiert.

Ihr Väter, behandelt eure Kinder nicht zu streng, damit sie nicht ängstlich und mutlos werden! (Kolosser 3,21 Hfa)

Fällt etwas auf? Die Väter sind gefragt! Es gibt keine Bibelstelle, die sich in ähnlicher Weise an die Mütter richtet. Allerdings finden wir in den Sprüchen die Beschreibung einer tüchtigen Frau:

Sie redet nicht gedankenlos, und ihre Anweisungen gibt sie freundlich. (Sprüche 31,26 Hfa)

Fühlt ihr euch auch ertappt? Wie oft handeln wir eben nicht freundlich, geduldig, überlegt, gerecht und mit Weisheit… Doch diese Anforderungen stelle ich ganz bewusst vor die Bibelstellen, die gern angeführt werden, um zu zeigen, dass eine Erziehung nach biblischen Maßstäben nicht mehr zeitgemäß ist:

Wer sein Kind nie schlägt, der liebt es nicht. Wer sein Kind liebt, der bestraft es beizeiten. (Sprüche 13,24 Hfa)

Erspare deinem Kind die harte Strafe nicht! Ein paar Hiebe werden es nicht umbringen! (Sprüche 23,12 Hfa)

Ich gebe es offen zu: Ich schlucke jedes Mal, wenn ich es lese. Wir werden aufgefordert, streng zu sei und unsere Kinder körperlich zu züchtigen. Letzteres verbietet das Gesetz hierzulande – aus gutem Grund. Was fangen wir mit diesen Textstellen an?

Sollen wir wirklich unsere Kinder schlagen?

Wie es scheint, nehmen tatsächlich nicht wenige Christen diese Aufforderungen wörtlich. Im Jahr 2013 gab es die erschütternde Meldung, dass insbesondere „sehr religiöse“ Christen aus freikirchlichen Kreisen ihre Kinder häufiger schlagen als der Bevölkerungsdurchschnitt. Die oben angeführten Bibelstellen aus Epheser und Kolosser zeigen jedoch, dass Kindesmisshandlung nicht durch das Wort Gottes zu rechtfertigen ist.

Es ist wichtig, die Bibelstellen über Strenge und Zucht im Kontext zu sehen. Sie stehen in den Sprüchen, einer Sammlung einfacher moralischer Aussagen, die die fundamentalen Tatsachen des Lebens herausstellen. König Salomo hat diese zusammengestellt, um junge Menschen zu lehren. Sie dienen dazu, Wahrheiten von Generation zu Generation weiterzugeben (siehe Definition „Erziehung“). Für die Auslegung der Sprüche ist es wichtig, sie im Lichte der gesamten Schrift zu betrachten. Ein Vergleich zwischen der Lehre Salomos und dem, was Christus lehrt, ist hilfreich und Gewinn bringend (Studienbibel, S. 856). Selbstverständlich gelten diese Aspekte für die Auslegung anderer Bibelstellen genauso, wir würden ja z.B. auch unseren Sohn nicht mehr steinigen, wenn er nicht gehorcht (5. Mose 21,18 ff.). mehr zu diesem Beispiel

Gibt es eine christliche Erziehung? Vater und Sohn

Was würde Jesus tun?

Das Thema „Erziehung“ kommt vor allem im alten Testament zur Sprache. Doch wie kann uns hier das neue Testament helfen? Jesus hatte keine Kinder, aber sein Handeln und seine Weisungen können uns Maßstab sein auch in der Erziehung. Kann eine Erziehung in der Nachfolge Jesu gewaltvoll sein? Dr. Teresa Whitehurst schreibt in ihrem Buch „Wie würde Jesus Kinder erziehen?“:

„Als Psychologin, die mit Kindern und Familien arbeitet, habe ich die Erfahrung gemacht, dass Eltern, die in ihrer Erziehungsarbeit (ob nun bewusst oder unbewusst) den Prinzipien von Jesus folgen, meist eine starke Beziehung zu ihren Kindern und eine optimistische Einstellung gegenüber Problemen hatten, während Eltern, die mit dem allgemeinen Strom schwammen oder auch religiöse Erziehungsmethoden der gesetzlichen Sorte benutzten, über ständig wiederkehrende Konflikte und gestresste Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern klagten. “ (Whitedurst, S. 12)

Erziehen mit Jesus heißt, dass wir uns an seinen Worten und Taten orientieren. Dies hilft uns mehr als einzelne Bibelstellen zum Maßstab zu erheben. Übrigens: Das lässt sich auch auf andere Bereiche unseres Lebens übertragen… Vielleicht hast du Lust, einmal die Seligpreisungen zu lesen mit dem Gedanken „Kindererziehung“ im Hinterkopf. Selig/ Glücklich sind (seid ihr)…

… die da geistlich arm sind… die da Leid tragen… die Sanftmütigen… die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit… die Barmherzigen… die Frieden stiften… die reinen Herzens sind… die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden… wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und allerlei Böses gegen euch reden und dabei lügen… (Matthäus 5, 3-12 Übersetzung: Luther 2017)

Und das alles gilt auch für Eltern. So wären wir gern im Umgang mit den Kindern. Sanftmütig, gerecht, Frieden stiftend, ertragend. So unerfüllbar uns dies aus menschlicher Sicht erscheint, so wenig werden auch unsere Kinder sich immer an das Gebot „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“ halten. Wir brauchen Barmherzigkeit – gegenüber uns selbst und gegenüber unseren Kinder. Martin Luther meinte, „dass die Kinder der Eltern vergessen, wie wir alle Gott vergessen.“ Wir müssen ihnen immer und immer wieder vergeben, wie uns auch vergeben ist.

Muss ich jetzt streng sein?

Es ist nicht mein Anliegen, die teilweise in unseren Ohren hart klingenden Worte der Bibel „glattzubügeln“. Ja, es ist durchaus von strenger Erziehung die Rede. Wenn es nötig ist, gehören auch Strafen dazu. Das widerspricht zum Teil unserem modernen Erziehungsverständnis. Aus pädagogischer Sicht geht man davon aus, dass Strafen keinen positiven Nutzen haben.

Natürlich freut sich niemand darüber, wenn er gestraft wird, denn Strafe tut weh. Aber später zeigt sich, wozu das alles gut war. Wer nämlich auf diese Weise Ausdauer gelernt hat, der tut, was Gott gefällt, und ist von seinem Frieden erfüllt. Hebräer (12,11 Hfa)

Wir sind herausgefordert, mit Gottes Hilfe eine liebevolle Art der Züchtigung (um im biblischen Vokabular zu bleiben) zu üben – ohne Gewalt. Auch hier gebe ich gern zu, dass ich Widersprüche zu meiner eigenen Meinung sehe. Dass Strafen etwas bringen, wird heute ernsthaft bezweifelt. Allerdings ist es auch eine Definitionsfrage. Strafe? Konsequenz? Natürliche Konsequenz? Oft überschneidet sich das… Wir müssen unseren eigenen Weg selbst finden. Leichter ist es nicht zu haben.

Ich glaube trotz allem, es ist gut, wenn die Bibel uns herausfordert. Gott will von uns keinen blinden Gehorsam, sondern er schenkt uns Einsicht. So erzieht Gott. Durch meine Erziehungsarbeit in der Familie (mittlerweile 16 Jahre) lerne ich ständig dazu. Davon möchte ich in einem späteren Beitrag berichten. So manches Mal habe ich schon erfahren, dass Gottes Wort eine gute Basis ist. Die Bibel ist natürlich kein Erziehungsratgeber, aber sie gibt uns Handlungsmaßstäbe, ganzheitlich und fürs ganze Leben.

Thesen zu christlicher Erziehung

Wir alle sind Ebenbild Gottes, sein gutes Geschöpf, ausgestattet mit einem freien Willen, Selbstständigkeit und Verantwortung – aber zugleich auch sündhafte Menschen.

Wir alle brauchen Erlösung durch Jesus Christus. Erziehung kann das Problem der Sündhaftigkeit des Menschen nicht beseitigen. Darum dürfen wir den Einfluss der Erziehung nicht überschätzen.

Man kann Kinder nicht zu Christen erziehen, wir können sie nur lieben, auf Gott hinweisen und Führung anbieten. Die Entscheidung für Jesus trifft jeder selbst, Gott hat keine Enkelkinder – nur Kinder.

Nichtsdestotrotz hat christliche Erziehung die Rettung und Erlösung als Ziel.
Christliche Erziehung ist immer eine lenkende, leitende Erziehung.

Erziehung wird immer wieder scheitern. Christliche Erziehung ist geprägt vom ständigen Vergeben und Sich-Vergeben-Lassen.

Christliche Erziehung orientiert sich an Gott, dem liebenden Vater und daran, wie Jesus mit Menschen umgeht.

Nicht Gehorsam steht im Vordergrund, sondern Liebe, Erbarmen, Ermutigung und Trost.

Nichts kann uns von Gottes Liebe trennen. (Römer 8,28)

 Gibt es eine christliche Erziehung? Man kann Kinder nicht zu Christen erziehen. Vater und Tochter

Welche Meinung habt ihr zu Erziehung? Wie inspiriert und leitet euch die Bibel? Was findet ihr schwierig? Seht ihr Gott als euren Erzieher? Wie geht es euch mit den Bibelstellen, in denen es um körperliche Zucht geht? Das würde mich sehr interessieren. Schreibt gern in den Kommentaren.

Deine

Martha vom Blog FamilienLeben mit Gott

Hier geht es zur Blogparade „Christliche Erziehung heute“. Dort findet ihr auch den zweiten Beitrag zu christlicher Erziehung von FamilienLeben mit Gott mit unseren persönlichen Erfahrungen.

___

Weiterlesen:

John Mc Arthur Studienbibel. Schlachter Version 2000. 8. Auflage 2012. Erläuterungen zu den Sprüchen ab S. 855.

Kaiser, Arnim/ Kaiser, Ruth: Studienbuch Pädagogik. Grund- und Prüfungswissen. Berlin: Cornelsen Scriptor Verlag. 2001.

Kindererziehung: Was tatsächlich falsch läuft. www.kath.net/news/41173

Whitedurst, Teresa: Wie würde Jesus Kinder erziehen? Praktische Ratschläge aus der Bibel. Holzgerlingen: Hänssler Verlag. 2004. (Leider vergriffen.)

https://bibelbund.de/2015/05/grundzuege-christlicher-erziehung-und-paedagogik/

http://www.bibleinfo.com/de/topics/kinder-erziehung

Martin Luther: Anweisung zu einer christlichen Kindererziehung. 

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Autor:

Wir glauben daran, dass ein FAMILIENLEBEN MIT GOTT einen Unterschied macht. Wir wissen, dass wir nicht die Einzigen sind, denn FAMILIEN LEBEN MIT GOTT. Mach dich mit uns gemeinsam auf die Suche nach Mehr...

6 Kommentare zu „Gibt es eine christliche Erziehung?

  1. Ich glaube tatsächlich, dass es nicht immer ohne Strafe bzw. Konsequenzen geht, finde dies aber nicht erstrebenswert.
    Fakt ist, dass ich lieber aus Liebe etwas tue als aus Angst vor Strafe. Ich habe noch keine abschließende Antwort auf diese Frage.
    Ich erlebe Gott als extrem liebevoll mir gegenüber (allerdings kennt er meine Geschichte – ich komme aus einem konservativ christlichem Elternhaus, in dem körperliche Strafen angesagt waren und so manches andere, das definitiv nicht in Gottes Sinn war!), Erzieher … ich weiß nicht, ich kenne diese Stellen, aber mich kriegt er mit Liebe dazu, mich zu verändern, er schafft das, was Angst niemals schaffen könnte.
    Ich sehe Gewalt Kindern gegenüber sehr kritisch (das bezieht sich nicht nur auf körperliche Gewalt).

    1. Ich kann deinen ersten Satz (und vor allem auch den letzten!) absolut unterschreiben. Es wäre schön, wenn es ohne Strafen und Konsequenzen ginge – aber ich glaube auch, das klappt nicht. Ich bin auch überzeugt davon, dass es nicht Gottes Ziel ist, dass wir Angst vor ihm haben. Wenn das so ist, muss etwas gewaltig schief gelaufen sein… Und diese Angstfreiheit darf uns Vorbild für die Erziehung sein, die Atmosphäre, die wir unseren Kindern zu Hause schaffen. Gut, dass wir Gott immer wieder alles bringen und uns verändern lassen können. Gut, dass er das ausgleicht an unseren Kindern, was wir nicht schaffen und wo wir versagen. Im April möchte ich noch einmal einen persönlicheren Beitrag mit Erfahrungen zu diesem Thema schreiben, hier ging es ja erstmal darum, was in der Bibel zu dem Thema steht 😉 Liebe Grüße, Martha

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